"Ohne
Kippe": Klinik-Kooperation geht neue Wege im
Kampf gegen Nikotinsucht bei Kindern
"Heidelberger-Modell"
macht in Pirmasens Schule
Städtisches Krankenhaus startet Modellprojekt
mit Achtklässlern aus der Region
von
Cornelius Bischoff, bico.
"Raucher sind cool", sagt Milan. Seit
zwei Jahren hängt der heute 14-Jährige
an der Zigarette. Mit seiner Sucht ist Milan nicht
alleine. Nach Informationen des Internet-Gesundheitsportals
"Qualimedic.de" rauchen rund sieben Prozent
aller 12- bis 13-jährigen Kinder in Deutschland.
Knapp die Hälfte aller 16- bis 17-Jährigen
greift regelmäßig zur Zigarette (47 Prozent).
"Natürlich weiß ich, dass jeden
Tag ein paar hundert Leute am Rauchen sterben",
sagt Milan: "Na und?"
"Nackte
Zahlen sind ungeeignet, den Jugendlichen die wirkliche
Bedrohung vor Augen zu führen, die das Nikotin
mit sich bringt", sagt Dr. Hans-Georg Kläber.
Der Chefarzt der Klinik für Kinder und Jugendmedizin
am Städtischen Krankenhaus Pirmasens ist überzeugt,
dass Suchtprävention und Aufklärung neue
Wege gehen müssen, um ein Bewusstsein für
die ganz persönlichen Folgen des Rauchens zu
schaffen. In einer Kooperation mit 18 Schulen und
der Thorax-Klinik am Universitätsklinikum Heidelberg
will das Städtische Krankenhaus nun Zeichen
gegen den Trend setzen.
Dr.
Kläber: "Wir brauchen starke Bilder, um
gegen die Flut der Werbebotschaften anzugehen, die
den Jugendlichen in rauchenden Fernseh-Kommissaren,
auf Plakatwänden und in den Kinos begegnen."
Ganze Serien solcher Bilder sendet die Heidelberger
Lungen-Klinik life über das Internet. Zweimal
pro Woche schockieren die Fachärzte um Prof.
Dr. Peter Drings komplette Schulklassen durch die
Übertragung so genannter Echtzeit-Bronchoskopien
aus dem OP: Eine Minikamera begleitet den Weg der
Sonde durch Mund und Hals in die Lunge eines Nikotin-Opfers.
Dort liefert sie eindrückliche Bilder des Schleims,
von Wasser und den abgestorbenen Zellen in den Atmungsorganen
des Patienten.
Die
Life-Übertragung ist Teil eines Informationspaketes,
das die Thoraxklinik unter dem Motto "Ohne
Kippe" für Schulklassen aus Rheinland-Pfalz
und Baden Württemberg geschnürt hat.
"Mit Erfolg", sagt Michael Ehmann. Der
45-Jährige ist verantwortlich für die
Koordination der Vorträge, die 8- bis 14-Jährige
nicht nur mit den üblichen Hinweisen versorgen,
dass Rauchen der Gesundheit schadet. Auf dem Programm
steht - neben Diskussionen mit Medizinern, Suchtberatern
und dem virtuellen Besuch im Operationssaal - auch
ein Gespräch mit Patienten, die den Schülern
über ihre persönliche Raucher-Karriere
berichten; eine Laufbahn, die nicht selten mit dem
Verlust eines Beines, von Arbeitsplatz und Lebenspartner
verbunden ist.
Das
Konzept der Heidelberger scheint erfolgreich: Umfragen
unter Schülern, die an den Veranstaltungen
der Fachklinik teilgenommen haben, bestätigen
die abschreckende Wirkung des Angebots. "Seitdem
suchen wir Partner, die geeignet sind, unser Programm
in die Fläche zu tragen", sagt Michael
Ehmann. Das Städtische Krankenhaus Pirmasens
ist die erste Klinik in Deutschland, die sich bereit
erklärt hat, das "Heidelberger-Modell"
zu übernehmen. Den Auftakt zu einer Reihe von
Veranstaltungen mit Schülern aus der gesamten
Westpfalz bildet eine so genannte Primärprävention
am 24. Februar. Dann wird die achte Klassenstufe
des Staatlichen Leibniz-Gymnasiums zum Zeugen einer
Echtzeit-Bronchoskopie, die - genau wie die anschließende
Podiumsdiskussion - life über das Internet
zwischen Heidelberg und Pirmasens übertragen
wird.
Begeistert
von dem Engagement des Städtischen Krankenhauses
zeigt sich die ehrenamtliche Schuldezernentin der
Stadt Pirmasens, Helga Knerr: "Für unsere
Region ist es wichtig, Menschen zusammen zu bringen,
die gemeinsame Interessen zum Wohle aller teilen."
Dies gelte vor allem im Blick auf die Zukunft von
Kindern und Jugendlichen am westlichen Rande der
Pfalz. Knerr: "Die technischen Möglichkeiten
des Städtischen Krankenhauses sind mit denen
unserer üblichen Schule nicht zu vergleichen.
Ich hoffe, dass Medienmix, Großbild-Leinwand
und Patientengespräche dazu beitragen, einen
tieferen Eindruck bei den Jugendlichen zu hinterlassen,
als dies in den üblichen Rauchstopp-Kampagnen
der Fall ist." Auch Krankenhaus-Geschäftsführer,
Martin Forster ist vom Nutzen des Heidelberger-Modells
überzeugt. "Wenn wir in den Pirmasenser
Schulen Erfolg haben, werden andere Kliniken dem
Beispiel folgen", hofft Forster. Dann stehen
die Chancen gut, dass auch Milan die Gefahr einer
Droge erkennt, die in nur sechs Monaten so viele
Opfer fordert, wie seine Heimatstadt Einwohner zählt.
Wer
mehr wissen möchte, bekommt weitere Informationen
auf den Internetseiten der Thorax-Klinik Heidelberg
(www.OhneKippe.de)
und bei der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin
am Städtischen Krankenhaus Pirmasens. Die Telefon-Nummer
lautet: 06331/714-1601
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